Leon Lorka

Entdecke das Geheimnis seiner Vergangenheit und vieles mehr ...

Kapitel 1

Leon war gerade 15 Jahre alt und konnte immer noch nicht fliegen. Er beobachtete sich im Spiegel und zupfte an seinen Ohren. Verzweifelt griff er nach einer kleinen hölzernen Dose, die er sich aus einem Stück Treibholz geschnitzt hatte und steckte seine Finger in die grün-gelbe Paste. „Krötenfett“, murmelte er, „ich kann es nicht mehr sehen.“ Angewidert schnupperte er an der schmierigen Masse und stellte den Topf lautstark zurück. „Es reicht, das nützt doch sowieso nichts“, rief er mit gerümpfter Nase.

Er betrachtete seine Ohren, die einfach nicht größer werden wollten und wischte sich die fettigen Finger an einem Büschel Seegras ab. Er musste daran denken, wie seine Mutter aus den Kröten, die sein Vater von der Jagd heimbrachte, dieses stinkende Krötenfett kochte. Die armen Viecher zappelten in dem heißen Wasser herum, bis sie irgendwann mit aufgeblähten Bäuchen an der Oberfläche schwammen. „Jetzt ist Schluss damit“, dachte Leon. „Entweder wachsen meine Ohren von selbst oder sie bleiben wie sie sind.“

Er hörte wie sein Vater auf dem Dach ihres Hauses landete. Sie hatten ein schönes Haus, ganz oben auf einem steilen Felsen mitten im Meer. Dort wohnten sein Vater Randolf Lorka und seine Mutter Rosa Lorka schon solange Leon denken konnte. Die Zimmer waren tief in den Stein hinein gehauen worden und durch die kleinen Fenster konnte man auf die unendliche See hinausschauen.

Im unteren Geschoss befand sich die Küche, daneben lag das Schlafzimmer seiner Eltern. Ein Stockwerk höher, beinahe in der Spitze des Felsens, hatte Leon sein Zimmer. Er fühlte sich dort wie der König der Meere. Leon bewunderte seinen Vater. Randolf war ein guter Flieger. In der Luft war er unschlagbar.

Etwas müde stieg Papa Randolf die kleine Leiter vom Dach zur Terrasse hinab, die ringsum ihre Felsenwohnung verlief. Von hier aus konnte man zu allen Seiten über das Meer sehen. Weit und breit gab es nur Wasser. Der nächste Felsen war kilometerweit entfernt. Dort wohnten die Latnorks, ihre nächsten Nachbarn.

Randolf warf sein Netz auf den Boden und betrachtete stolz seine Beute. Zwei Hummer, mehrere Tintenfische, ein paar Seesterne, eine Handvoll Quallen, die seine Frau für den Tortenguss am Sonntag brauchte und noch ein paar Mehlfische, aus denen sie einen phantastischen Pudding kochen konnte. „Ein guter Fang“, dachte er und zerrte mit seinen schuppigen Fingern noch eine riesige Kröte hervor. „Schau mal Rosa“, sagte Randolf zu seiner Frau, „ was sagst du zu diesem Exemplar?“ Rosa bestaunte die zitternde Beute, die ihre Backen bis zum Zerplatzen aufblies. „Das ist mit Abstand die größte Kröte, die du je gefangen hast. Du bist wirklich ein guter Jäger“, lächelte sie. Randolf fühlte sich geschmeichelt. „Das wird ein Krötenfett der ganz besonderen Art. Unser Leon wird sich freuen.“

Aber Leon freute sich ganz und gar nicht. Er nahm seinem Vater die Riesenkröte aus der Hand und schaute ihr in die angsterfüllten Augen. Mit einem kurzen Blick auf seine Eltern warf er sie im hohen Bogen über die kleine Mauer der Terrasse ins Wasser zurück. Seine Eltern waren sprachlos. So hatten sie Leon noch nie erlebt. „Ich will kein Krötenfett mehr“, sagte er aufgebracht, „die Tiere tun mir leid. Und außerdem nützt es überhaupt nichts. Ich werde nie fliegen können. Ich bin anders, ich bin nicht wie ihr.“

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