Leon Lorka

Entdecke das Geheimnis seiner Vergangenheit und vieles mehr ...

Kapitel 20

Argo saß auf seinem Berg und wunderte sich. Seit geraumer Zeit schon beobachtete er das Meer und konnte es nicht glauben. Statt zu steigen sank es von Tag zu Tag. Es war schon um einige Meter gefallen.

Der Eingang zu Amadeus Grotte, den er oft besuchte seit Leon weg war,  hatte sich beachtlich vergrößert. Die Buckelsteine davor ragten wie kleine Walfischrücken aus dem Wasser. Sogar Simons Höhle lag jetzt nur noch einige Meter unterhalb der Meeresoberfläche. Den Einstieg konnte man von oben deutlich erkennen.

Argo tat zwar immer so, als ob er nicht zählen könnte, aber eigentlich stimmte das nicht. Je älter er wurde, desto unwichtiger wurde für ihn die Zeit. Sie verging sowieso, und sie verging nicht zu seinen Gunsten. Darum legte er keinen Wert darauf, die Tage und Jahre zu zählen, was nutzte ihm die Erkenntnis?

Aber trotzdem wusste er genau, wie lange Leon schon auf der anderen Seite war. Der dritte Vollmond war bereits verstrichen und er hatte immer noch kein Lebenszeichen von seinem Enkel. Manchmal war er kurz davor, über den schwarzen Nebelvorhang zu fliegen, aber sein Versprechen an Senta hielt ihn davon ab.

Neugierde war etwas, was sich Argo erst gar nicht angewöhnen wollte. Wenn Leon ihn brauchte, würde er es ihm schon auf irgendeine Art und Weise mitteilen. Vorher wollte er gar nichts tun und nur abwarten. Aber es beschäftigte ihn tagaus, tagein, was dort drüben wohl gerade geschah.

Argo hatte sich mit Bölie und Nadu und Dana immer mehr angefreundet. Manchmal ging er mit ihnen zusammen auf die Jagd und Doris wartete dann immer gierig darauf, was er ihr wohl mitbringen würde. Und immer war etwas Leckeres für sie in seinem Fangnetz dabei, wofür sie sich dann mit einem einschmeichelnden „Oh, Leckerli“ bedankte.

Das Leben ging weiter, aber Leon fehlte ihnen allen. Er gehörte zu ihnen, aber er war nicht da. So warteten sie auf ihn, bis der Tag kommen würde, an dem er wieder auftauchte. Aber wann würde dieser Tag sein, das wusste keiner so genau?

Argo hatte sich innerlich von Senta verabschiedet und dieser Abschied gab ihm seine Ruhe zurück. Er hatte noch einige Male in der Kristallhöhle seines Berges nach ihr Ausschau gehalten, aber sie blieb verschwunden. So hatte er sich allmählich damit abgefunden und eine neue Zufriedenheit tat sich in ihm auf. Es war vorbei. Endlich! Senta gab es nur noch in seinem Kopf, sie war nicht mehr real. Argo empfand kein trauriges Gefühl dabei, es war mehr eine Befreiung.

So saß er Abend für Abend auf seiner Veranda und schaute aufs Meer. Die Gedanken an früher flogen an ihm vorbei wie eine Schar Vögel, die in den Süden ziehen. Manchmal schmunzelte er dabei, aber das Bedürfnis, an seinem früheren Leben festzuhalten, war nicht mehr da. Er schaute nach vorne, denn das Leben geht immer nur voran und dreht sich nicht um.

Die Hoffnung auf ein Lebenszeichen von Leon bestimmte seine Abendgedanken. Es war für ihn ein schönes Gefühl zu warten, denn wenn man auf nichts mehr wartet, bleibt die Zeit stehen und das ist schlimmer als zu warten.

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